Zum historischen Roman Der rote Korund 

Eine aufregende Reise durch das Europa der Renaissance

 

Jean de Paris ist ein Europäer, der sich nicht nur einer einzigen Nationalität angehörig fühlt. Der Roman "Der rote Korund" verfolgt seine Lebensgeschichte, die sich von 1470 bis 1553 in England, Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden und der Türkei abspielt und den Protagonisten, einen königlichen Hofmaler, dabei auf seinem wechselhaften Weg durch die europäischen Königshäuser begleitet. Dabei tritt er, der seine Identität meist verstecken muss, oft als Diplomat auf, der daran mitwirkt, den Frieden in Europa zu erhalten.

Als Kind wird Jean, unter der Obhut seines Vaters Luis de Gruthuhyse, die beste Erziehung zuteil. Früh zeigt sich dabei seine Begabung für die Malerei, und er darf sogar den großen Meister Leonardo da Vinci zu seinen Lehrern zählen. Dieses Talent macht ihn später zum französischen Hofmaler und gibt ihm damit die Möglichkeit, das Adelsgeschehen aus nächster Nähe zu verfolgen und auch zu beeinflussen. Seine Herkunft versteht er dabei stets zu verschleiern.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jeans Beziehung zu Margarete von Österreich, mit der er eine tiefe Freundschaft verbindet. Ihr schenkt er den berühmten "roten Korund". Die Umstände der Zeit verhindern jedoch, dass sie ihr Leben miteinander teilen können. Als Margarete schließlich stirbt, gelangt das Schmuckstück mit dem wertvollen Stein, das Jean einst von seiner Mutter bekam, wieder in seinen Besitz. Jahre später befindet Jean sich auf einer Mission in der Türkei. Seine enge Freundschaft mit dem Sultan Süleyman macht ihm das Leben dort sehr angenehm. Schließlich freundet er sich mit der eigenwilligen Haremsdame Gylan an, die nach dem Tod ihres Mannes freiwillig dort lebt. Als Jean die Bosporusregion wieder verlässt, schenkt er ihr den "roten Korund" in der Hoffnung, er möge den Frieden zwischen Europa und der Türkei erhalten.

Der Autorin Aloysia Romaine Berens ist es vortrefflich gelungen, aus den verschiedenen historischen Fakten ein umfassendes Bild Europas in der Zeit der Renaissance zu zeichnen. Gespannt folgt der Leser den Entwicklungen der europäischen Adelshäuser, die Jean de Paris auf geschickte Weise im Hintergrund zu lenken versteht. Durch die lebendigen Beschreibungen der Geschicke und Intrigen, nicht zuletzt auch durch die authentische Sprache, wird der Leser unmittelbar in das Geschehen hineinversetzt.

Dabei kann der Appell an einen europäischen Frieden, der den Roman wie einen roten Faden - eng geknüpft an die Person Jeans - durchzieht, über das historische Thema hinaus auch mit einem aktuellen Bezug zu unserer heutigen Zeit gelesen werden, in der die Adelshäuser abgelöst wurden von Politikern, die die Geschicke eines Kontinents lenken, der mehr und mehr zusammenwächst.

Hugo Meyer
25.01.2016

 

 

Aloysia R. BERENS: "DER ROTE KORUND", Frankfurter Literaturverlag, 2015 

 

         Der vorliegende historische Roman führt den Leser "auf die Spuren von Jean de Paris durch das Europa der Renaissance" und das mit einer verblüffenden Leichtigkeit, die nicht nur von der geschichtsträchtigen Bewandtnis der Autorin zeugt, sondern auch von einer damaligen europäischen "Malleabilität", die für unser heutiges Verständnis durchaus moderne Züge annimmt. Der Eindruck wird noch verstärkt durch die Kürze der etwa hundert Seiten, die den Helden in mehr als einem halben Jahrhundert zwischen König und Kaiser zerren, zwischen auferlegten politischen Missionen und seinem natürlichen Hang zur Kunst, zwischen all den Thronfolgerstreitereien, welche die europäischen Höfe andauernd belasten und für den Protagonisten jede Art von neutraler Haltung zunichte machen.

 

         Jean de Paris ist in dem Sinne eine tragische Gestalt, dass er den neuen freiheitlichen und schönheitsliebenden humanistischen Ideen in einer Zeit nacheifert, die noch sehr mittelalterlich durchdrungen scheint, während die Religionskriege ihre beängstigenden Schatten erst gegen Ende seines Lebens andeuten. Trotzdem liest sich "Der rote Korund" durchaus optimistisch, in der tiefen Überzeugung, dass seine feinfühlige Mischung von Vorausahnung und Vorausplanung den Helden zu einer emblematischen Figur seiner Zeit und seiner Zukunft macht.

 

         Ähnlich wie der unstete Protagonist sein Schicksal in den Wirren sucht, muss auch die Autorin ihren Platz zwischen Dokumentation und Vision ausfindig machen. Den Leser stört das aber nicht im geringsten und er soll sich ja eigentlich auch nicht um unvermeidliche Nahtstellen zwischen Dichtung und Wahrheit kümmern. Es bleibt trotzdem, dass bei diesem historischen Roman die Betonung auf dem ersten Terminus liegt, derart stark ist die stilistische Schreibweise an den kühlen Stil der Historiographie angelehnt. Das Faktuelle überwiegt, geschichtliche Begebenheiten und eine Menge an dynastischen Beziehungen stellen das Grundgerüst einer Erzählung dar, auch da wo dieser objektiv informative Teil von der alleswissenden Berichterstattung abweicht und alleswissenden Personen in direkter Rede in den Mund geschoben wird.

 

         Die Stärke dieser Erzählung (diese Bennung stünde dem Buche besser) ist also zugleich auch ihre Schwäche - und umgedreht. Der in Geschichtsangelegenheiten wenig kundige Leser ist schnell von der Anhäufung von Personen und Fakten überrumpelt, obschon ein Anhang einige wichtige Sachlagen und historische Gestalten dieser Zeit aufzeichnet. Zum historischen Roman (mit Betonung des Romanhaftigen) fehlt es dann doch zu sehr an jener psychologischen Dichte, die dem Leser die Empathie mit lebenerfüllten Menschen erleichtert und ihn somit eine gewisse nüchterne Kälte, wie sie der offiziellen Geschichtsschreibung eigen ist, bei den erwähnten Begegnungen überwinden liesse.

 

         "Der rote Korund" kann nicht nicht als leichte Lektüre hingestelt werden, bei der die literarische Güte die komplexen geschichtlichen Zusammenhänge gewissermassen spielerisch mitliefert. Das Buch liest sich zuerst in seiner geschichtlichen Konzentration, ehe es für seine literarische Dimension zugänglich wird. Das längere - für Luxemburg bedeutende - Schlusskapitel um den deutschen Grafen von Mansfeld birgt in sich die Lösung mancher Fragen, die im Laufe der Erzählung den Leser bedrängen konnten. Es ist also durchaus "schlüssig", wirkt aber auch etwas entfernt, wie aus dem Rahmen herausgerissen. Wenn man auch noch bedenkt, dass die kunsthistorisch ausgebildete Romaine Berens unseres Erachtens die kunstschaffende Dimension dieser Zeit gegenüber der gemeingeschichtlichen etwas kurz kommen lässt, so wird man diesem ersten Roman wünschen, fortan die Gelehrsamkeit, die "érudition" zugunsten der "création" zu zügeln. Pierre Gerges        

 

siehe auch:2 Beiträge zu den kunsthistorischen Studien von Aloysia Romaine Berens von Hans Hans Bernstein in CONCILIUM MEDII AEVI,

Band 7 und Band 13: