Buchkritik von ARB

zu einer neuen Veröffentlichung über das Stundenbuch von Louis van Boghem, Bauleiter der Grabkirche von Brou.

Ein 2014 bei Picard erschienenes Buch von Laurence Ciavaldini Rivière (im weiteren Text der einfachen Lesart wegen als LCR benannt), betitelt Aux premières heures du monastère de Brou. Un architecte, une reine, un livre, befasst sich mit einem kleinen Codex der Bibliothek des Großen Seminars von Brügge (ms.66/35). Ihr Buch wird nicht nur die Freunde der alten Manuskripte, sondern ebenfalls die Besucher der Klosterkirche und Fürstengrabstätte von Brou (Bourg-en-Bresse) ansprechen. Die Verfasserin ist Professorin und „maître de conférence en art médiéval“ der Universität Grenoble und eine eminente Handschriften-Expertin. Das Stundenbuch, mit dem sie sich befasst, ist ein mit Miniaturen, kunstvollen Rahmungen, Wappen, Emblemen und einem Wahlspruch ausgestattetes Gebetbuch aus dem Jahre 1526. Dieses Datum ist auf zwei Folios  (fol. 54 und 65) eingetragen. Der nur 165x115 mm messende Pergamentband begreift 161 Blätter. In der Picard-Edition sind ganze 33 Doppelseiten des Manuskriptes farbig reproduziert.

Die scharfe Beobachtungsgabe der Autorin dieser Ausgabe, ihr angemessenes Vokabular und ihre breitgefächerte Kenntnis der einschlägigen Literatur, sowie der Buchkunst des ausgehenden Mittelalters und frühen Neuzeit im Allgemeinen machen ihre Veröffentlichung zu einem Standartwerk. Das Ergebnis, zu dem sie dabei gelangt, reicht weit über den Rahmen eines Manuskript-Kommentars hinaus, nämlich dass der kultivierte, künstlerisch begabte Auftraggeber und Mitgestalter des seltsamen Manuskriptes auch als der Konzeptor der Grabkirche von Brou anzusehen sei. Soweit könnte man mit ihr einverstanden sein. Doch sie bezeichnet diese Person, wie mehrere Kunsthistoriker vor ihr, als Loys van Boghem, den sie zu einem „Hofarchitekten“(S.199) hochhebt. Und dieser Kunstkenner („homme de l’art“) habe auch die architektonischen Miniatur-Rahmungen des Stundenbuchs gezeichnet.

Vor der Autorität dieser Wissenschaftlerin müsste ich kapitulieren, denn mit meiner Doktorarbeit und der diesbezüglichen Veröffentlichung Jean Perreals Beitrag zur fürstlichen Memoria in Brou, Stiftung und Grabstätte der Margarethe von Österreich vertrete ich die Ansicht, dass der Hofmaler Jean Perreal als Urheber und Herr des Projektes anzusehen sei. Meine bisher nicht ins Französische übersetzte Publikation aus dem Jahre 2009 (2010 überarbeitet) scheint der Kommentatorin von Van Boghems Stundenbuch  nicht bekannt zu sein. Für mich stellt ihre Publikation eine Herausforderung dar: Falls nicht der Nachweis erbracht werden kann, dass die angesehene Handschriften-Expertin sich, trotz ihrer hervorragenden Textstudien und Bildbeschreibungen, in der grundlegenden Problematik irrt, dass sie von falschen Voraussetzungen ausging, wird meine Studie und Ausgabe über Brou als nichtig zu erachten sein.

Würde der Titel ihrer Veröffentlichung lauten: Le Livre d‘heures de Loys van Boghem, maître d’oeuvre de l’église de Brou, so wäre nichts daran auszusetzen, denn Baumeister (maître d’oeuvre),  oder Bauleiter war Loys van Boghem tatsächlich,  und es besteht auch kein Zweifel, dass das kleine Manuskript ihm gehörte. Doch bereits ihr Untertitel Un architecte, une reine, un livre, gibt Anlass zu einer Stellungnahme: Meine Nachforschung hat nämlich zum Ergebnis geführt,  dass Loys van Boghem (weiter als LvB bezeichnet) der Erbauer, jedoch nicht der Architekt von Brou war. Was kann gegen eine sich immer mehr verfestigende falsche Theorie unternommen werden? Es muss doch möglich sein, klarzustellen, dass die Forschung sich diesbezüglich in eine falsche Bahn manövriert hat. Mit meiner unbeachtet gebliebenen Promotionsarbeit habe ich versucht, der Wahrheit näher zu kommen, und sehe mich nun veranlasst, die Problematik, unter den das Stundenbuch betreffenden Aspekten neu zu überdenken:

- War Loys van Boghem der Auftraggeber des Stundenbuches?

- Trifft es zu, dass er dem Codex seinen persönlichen Stempel aufprägte?

- War LvB zugleich der gebildete Architekt von Brou?

 

Stellungnahme zum ersten Punkt:

Obwohl das Stundenbuch auf LvB zugeschnitten ist und seinen persönlichen Stempel trägt, darf nicht als Selbstverständlichkeit vorausgeschickt werden, er sei der Auftraggeber desselben gewesen. Könnte es, statt vom Baumeister, nicht ebenso gut im Auftrag der Stifterin der Grabkirche, der Erzherzogin Margarete von Österreich (1480-1530), angefertigt worden sein? Dann wäre der Wahlspruch „Jusque a la fin“ (heute würde man schreiben: Jusqu’à la fin, was soviel heißt wie „bis ans Ende“) eine Aufforderung an ihn, nicht nachzulassen, sondern bis zum Abschluss durchzuhalten. In anderen Worten, nicht der Maurermeister, sondern die Auftraggeberin (sowohl der Klosterkirche als auch des Stundenbuchs) hätte das Motto für den Betreffenden gewählt. Was spräche gegen eine solche Möglichkeit?

Die Handschrift weist an mehreren Stellen ein Wappen auf (nach L.C.R. selbstverständlich dasjenige von LvB), und dieses enthält obendrein an einer Stelle einen Fehler, welcher einem Vertreter des Adels oder einem Herold nicht unterlaufen wäre: die goldenen Schrägrechtsbalken auf blauem Feld sind nämlich einmal schräglinks gerichtet (Folio 22v). Demnach läge die Vermutung nahe, der Codex könne ihm nicht von einer so hohen Instanz wie der Erzherzogin selbst geschenkt worden sein.

Hierzu ließe sich jedoch leicht eine Erklärung anführen: Da der Baumeister  nicht dem Adel angehörte, ist in diesem Falle davon auszugehen, dass in dem ihm geschenkten Manuskript die Wappen noch leer waren. Sie wurden im Umriss eingezeichnet, um anzudeuten, dass ihn, wenn er den Bau schnell und gediegen fertigstelle, eine besondere Belohnung erwarte, nämlich seine Erhebung in den Adelsstand. Da die Erzherzogin starb, bevor ihre Stiftung fertiggestellt war, konnte es nicht dazu kommen. Verärgert darüber, hat der enttäuschte Bauleiter – wie in diesem Fall anzunehmen ist – die Ausmalung der Wappen selbst angeordnet, und da er sich auf jenem Gebiet nicht gut genug auskannte, den Fehler übersehen. Dann hat er den Codex „paraphiert“, indem er sein Zeichen auf das vergoldete Frontispiz-Wappen setzte, ganz nach der Tradition der Steinmetze, welche damals die Steine mit ihrem Zeichen markierten. LCR hat  herausgefunden, dass auf verschiedenen Dokumenten dieselbe Paraphe seine Unterschrift ziert. Dies zeigt, dass er die höfische Elite nachahmen wollte, die ihre Unterzeichnung mit einer Kadelle versah. Dem Namen wurde eine kunstvolle Verschnörkelung beigefügt, sowohl als Verzierung als auch, um einer Fälschung vorzubeugen. Urkunden und kalligraphierte Handschriften pflegten mit solchen Kadellen ausgestattet zu werden, eine Tradition die bereits in der Handschriftensammlung Wenzels des Faulen (†1419) zu beobachten ist. Im Gegensatz zu van Boghems Paraphe war bei den damaligen Signaturen die Verschnörkelung jedoch eine Weiterführung des Namens, und nicht ein aufgesetztes Zeichen. LCR vergleicht dieses Zeichen mit dem Markenzeichen der Drucker, und sieht darin eine Bestätigung, dass er LvB der Konzeptor des Büchleins sei.

Es bietet sich noch eine Alternative zu der Annahme, die Erzherzogin Margarete sei die Auftraggeberin. Es könnte sich so verhalten, dass Jean Perreal, als Betreiber und Leiter des Grabklosterprojektes, dem Baumeister eine Überraschung bereiten wollte. LvB  mag nur unwillig, dessen Autorität anzuerkannt und gedacht haben: ‚Von mir verlangt Jean de Paris, dass ich mein Bestes gebe, dass ich mich für das, was er als sein Lebenswerk betrachtet, aufopfere, doch Anerkennung für mich hat er keine: bei ihm zählen nur die Großen dieser Welt.‘ Um ihn von seinem Können zu überzeugen und ihm zu zeigen, dass er solche Leute wie den Maurermeister sehr wohl zu achten und zu schätzen wisse, könnte der Hofmaler ihn mit einem selbst gemalten Manuskript überrascht haben. Wie später in meinem Kommentar erläutert, ist dies wohl die beste Erklärung.

Stellungnahme zum zweiten Punkt:

Die von LCR angeführten Argumente, dass die Gestaltung des Büchleins von LvB geleitet worden sei und ein Zeugnis abgäbe, für seine höhere, intellektuelle Bildung, sind eher schwach. Wo hätte er diese Ausbildung erhalten? Nach dem, was sie über ihn herauszufinden vermochte, verbrachte er seine Lehrzeit im Betrieb seines Vaters, der Steinmetz und Steinlieferant war. Diesen Steinhandel baute Loys aus und brachte den Betrieb auf die Höhe, und vergrößerte die Anzahl von Steinbrüchen. Loys betätigte sich als Maurermeister und Unternehmer und ebenfalls als Steinlieferant. Während seiner Abwesenheit in Brou führte seine Gattin den Steinhandel weiter. LvB war also wirtschaftlich und handwerklich tüchtig, doch wo hätte er die Kenntnis der Buchmalerei erlangt, die es ihm gestattet hätte, Miniaturrahmungen zu entwerfen, welche dem höchsten Standard der Zeit entsprachen? Wo hätte er Kenntnis des am französischen Königshof mit Vorliebe verwendeten lac d’amour erlangt, diesem Kordelstrick, der im Stundenbuch die Initialen L und B  oder L, A & F (A für Anna, seine Gattin, F für ihren Sohn François) zu seinem Monogramm verbindet, und ebenfalls im Dekor der Kirche von Brou anzutreffen ist, wo die Lettern M und P für Margarethe und Philibert, Herzog von Savoyen stehen? Die Innenausstattung der Kirche existierte 1526 sicherlich noch nicht, so dass LvB sie nicht von dort kopieren konnte: die M&P-Initialen werden erst zum Schluss eingefügt worden sein, und ob die Zeichnungen dazu dem Maurermeister bereits vorlagen, ist eher unwahrscheinlich. Das Manuskript sollte ihn womöglich auf das, was noch auf ihn zukomme, vorbereiten. Einem Inventar zufolge war 1527 ein Teil der Feinmaçonnerie bereits fertiggestellt, wie der in Stein geschnitzte Wahlspruch der Stifterin: „Fortune Infortune Fortune“.

Es ist auch nicht so, dass die Illustration desselben ausgesprochen ungewöhnlich wäre, noch dass eine Gewähr bestünde, dass zwei Buchmaler sich die Aufgabe der Ausmalung geteilt hätten. (Das Ungewöhnliche beruht darin, dass Elemente, die bisher den hohen Adel vorbehalten waren, hier auf einen einfachen Maurermeister bezogen werden.)

Hinsichtlich der Miniaturrahmungen sei darauf hingewiesen, dass die Vermischung oder das Nebeneinander des gotischen und des antiken (oder Renaissance-) Kanons bereits lange zuvor in Frankreich wie auch in den Niederlanden nachweisbar ist. (Als französisches Beispiel sei das gedruckte Pariser Stundenbuch von um 1510, als niederländisches, das Gebetbuch Karls V. von um 1516 angeführt.)

Bereits in Gillet Hardouyns Druck eines Pariser Stundenbuches von um 1510 (Faksimile-Edition, Budapest, 1985) findet man erste Ansätze dieser Vermischung von gotischen und klassischen Bildumrahmungen: Während das Frontispiz von einem relativ einfachen Rahmen umgeben ist, weist die zweite Holzschnitt-Illustration mit der Darstellung eines menschlichen Skelettes, einen antiken Rahmen mit allen Elementen, die wir in Van Boghems Stundenbuch vorfinden, auf: Pfeiler, Sockel, Gebälk, muschelförmige Tympanons, von Putten gehaltene Perlen-Gehänge, pflanzenförmige Sockelstützen, Halbreliefs mit legendären Szenen oder aus Blattkelchen hervortretenden,  sich an einer Pflanze hochrangelnden Putten, symmetrisch angeordneten Delphinen, usw. Auf der Verso-Seite des folgenden Blattes ist der innere Holzschnittstreifen indessen rein gotisch. Die auf der Kassette des Faksimile-Ausgabe dargestellte ‚Geburt Jesu‘ (die Folios sind nicht nummeriert), im gleichen farbenfrohen Kolorit wie die Miniaturen in Van Boghems Stundenbuch gehalten, spielt sich vor einem kunstvollen Renaissance-Torbogen mit kassettierter Tonnenwölbung, massiven, reliefgeschmückten Pfeilern, Nischen, usw. ab.

Zwischen dem Hardouyn-Druck und Jean Perreals Schaffen besteht ein Bezug. Eine meiner Studien ist der Bildteppichfolge der ‚Einhornjagd‘ gewidmet (2008). Die heute im Cloisters in New York aufbewahrten Tapisserien der ‚Chasse à la Licorne‘ (The Unicorn Hunt) wurden von Jean Perreal entworfen. Das ist zumindest die These, zu der ich anhand meiner Nachforschung gelange. Einzelnen Details dieser Tapisserie-Folge begegnet man auf den Randleisten des Pariser Stundenbuchs, so dass anzunehmen ist, dass der Hofmaler dem Zeichner und Stecher der Holzschnitte Jean Pinchore einzelne Entwürfe unterbreitet hatte.

Da das gedruckte Pariser Stundenbuch nicht auf eine Einzelperson abgestimmt war, sondern sicherlich mehrfach gedruckt und zum Verkauf angeboten wurde, könnte ein solches Exemplar in die Hand des Illustrators des Stundenbuches von Loys van Boghem gelangt sein.

Als weiteres Beispiel sei das vermutlich erste Gebetbuch Karls V. angeführt (Cod.Vindob.1859). Obwohl die meisten Miniatur-Rahmungen noch an gotische Schnitzaltäre erinnern, findet man darin ebenfalls architektonische Renaissance-Rahmen mit einem sehr ähnlichen Verzierungsmodus wie in van Boghems Stundenbuch: Auf Folio 247 zeigt die Miniatur vor einem grünen Grund zwei rosa gekleidete Engel, welche ein Kreuz stützen. Die Rahmung derselben setzt sich zusammen aus einem schmalen Sockel, seitlichen Doppelpfeilern, Gebälk, Muschel-Tympanon, Perlen-Gehänge, usw. Dieser im trompe-l’oeil gemalte Kreuz-Altar steht über einer Texttafel, und diese wiederum auf einem unteren Sockel, welcher mittels zwei dünner Säulen mit dem oberen verbunden ist, wodurch der Text gerahmt wird. Der ganze, an ein Epitaph erinnernde Aufbau steht auf einer Konsole, wie in van Boghems Stundenbuch.

Das Gebetbuch war Karl geschenkt worden, als er König von Kastilien, jedoch noch nicht Kaiser war, also vor 1519, wahrscheinlich 1516, denn auf der Miniatur (fol. 213v.; die Seitenzählung ist an dieser Stelle gestört, so dass es sich hierbei um eine spätere Einfügung handeln könnte), die ihn betend vor einem wappengeschmückten Altar zeigt, ist er noch sehr jung. Eingangs (auf der Verso-Seite des vorderen Schutzblattes, also nicht wie zu erwarten wäre, auf einer Frontispiz-Seite) findet sich seine Devise: „Plus oultre“, darunter  „Charles“, darüber sind die burgundischen Embleme Feuerstein und Andreaskreuz gemalt. Das Gebetbuch enthält eine Eintragung seiner Tante Margarete und einer seiner Geschwister. Ob es ihm von der Tante übergeben worden war, bleibt ungewiss, eher ist es als ein Geschenk des Ordens vom Goldenen Vlies, dessen Oberhaupt Karl war, anzusehen. Ein Rätsel gibt die Eintragung am Ende auf. Auf der Rekto-Seite des letzten Blattes steht in großen Schrift: „Cest mon heur, Brandenburgk“. Darüber drei Sterne und ein E, seitlich und unten ein spiegelbildlich gezeichnetes Z. „C’est mon livre d’heure“ würde heißen. „Dies ist mein Stundenbuch“, wobei jedoch ungeklärt bleibt, ob es zuvor einem Mitglied der Brandenburger gehörte, oder ob es erst nachträglich – also nachdem es in Karls Hand war – in den Besitz dieses Adelshauses gelangte. (Prinz Heinrich Karl von Liechtenstein weist im Commentarium zur Faksimile-Ausgabe, Graz, 1976, S.40, darauf hin, dass es sich bei dem Betreffenden um Johann V. von Brandenburg handeln könnte. Dabei kann jedoch nicht der Markgraf Johann V. von Brandenburg, der von 1302 bis 1317 lebte, gemeint sein; es muss sich um einen späteren Namensvetter handeln, vielleicht um einen Vertreter des gleichnamigen, damals im Luxemburgischen angesiedelten Geschlechtes, dessen Burgruine Brandenburg immer noch zahlreiche Besucher anlockt.) Je nachdem könnte das Gebetbuch also noch älter, und die Darstellung Karls später eingefügt worden sein. (LCR weist übrigens selbst auf ein anderes Gebetbuch Karls V. hin, welches vom „Meister des Manuskriptes 696“ illustriert wurde, in dem ebenfalls bei den Miniatur-Rahmungen die beiden Stilformen anzutreffen sind.)

Obwohl es nicht völlig unmöglich wäre, dass die Statthalterin van Boghem das Gebetbuch gezeigt hatte, bevor es in die Hand ihres Neffen überging, steht doch fest, dass es dem Maurermeister nicht gestattet war, darin zu blättern, und sich die Ausmalung näher anzusehen. Jean Perreal, der als Hofmaler des Königs von Frankreich, wie ebenfalls der Margarete von Österreich, eine Art Intendanz ausübte, kannte die bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiet der Buchmalerei, und zwar auf internationaler Ebene, denn er hatte sich an den französischen Italienzügen beteiligt. Dem königlichen Hofmaler verwehrte niemand den Zugang, weder zu den besten Künstlerwerkstätten, noch zu den vornehmsten Hofbibliotheken. So wie seine Kenntnisse einzuschätzen sind, dürfte er sogar der Projektleiter von Karls Gebetbüchern gewesen sein. Gerade darin besteht das Sonderbare von Van Boghems Stundenbuch, dass es die Kenntnis des künstlerischen Schaffens auf dem Gebiet der Buchmalerei höchsten Ranges bezeugt. Die Zeichnung und Ausmalung unterscheiden sich von diesen jedoch durch eine weniger sorgfältige Ausführung „als wären sie mit dem Meißel des Bildhauers“ (LCR, S.199) wiedergegeben. Doch ist es nicht vielmehr so, dass man hier die Hand desjenigen erkennt, der schnelle Skizzen als Vorlage für andere Künstler zu machen pflegte, nicht dass Jean Perreal nicht in der Lage gewesen wäre, eigenhändig eine sorgfältige Ausmalung durchzuführen, doch die Zeit fehlte ihm dazu. Nur in seltenen Fällen brachte er die dazu erforderte Geduld auf, wie zum Beispiel auf seiner Miniatur der ‚Göttin Natura im Gespräch mit dem Alchimisten‘ im Musée Marmotton in Paris, oder beim ‚Porträt von Pierre Sala‘ in  Énigmes d’amour (Siehe unten).

Macht die Autorin sich keine falsche Vorstellung des Verhältnisses zwischen der Fürstin und ihrem Maurermeister wenn sie annimmt, sie habe ihm ihre Handschriftensammlung oder die ihres Neffen Karl gezeigt, mit ihm das Brou-Projekt des Öfteren gemeinsam besprochen und Briefe ausgetauscht? Dies war der Fall zwischen Ihr und Jean de Paris, während der Planungsphase, von November 1509 bis Juli 1512, doch darf man eine solche Beziehung nicht als eine Selbstverständlichkeit betrachten und annehmen LvB habe einfach nur den leeren Platz eingenommen, als der andere sich zurückzog: Perreals Briefe an Margarete sind eigenhändig geschrieben, auch wenn die Schrift größere Unterschiede aufweist. Bei einer flexiblen Künstlerhand ist es nicht verwunderlich, dass die Schrift vom Gemütszustand oder der Verfassung des Schreibers abhängt, sowie von der Zeit, über die er beim Schreiben verfügt; einige Briefe entstammen der Feder seines Freundes Jean Lemaire de Belges. Die Mitteilungen der Erzherzogin an Jean Perreal sind unmittelbar von ihr selbst (einer ihrer Briefe ist undatiert, ein anderes Schreiben datiert von Februar 1512 (siehe Berens, 2010, S.77 und S.194, Dok. IV) oder von ihrem Privatsekretär geschrieben. Van Boghems Briefe mögen vom Prior des Augustinerklosters niedergeschrieben worden sein. Von einem eigenhändigen Brief von ihr an den Maurermeister habe ich keinerlei Kenntnis. In meiner Promotionsarbeit werden die einzelnen Schriftstücke kommentiert.

Genoss LvB etwa das Ansehen eines Peter Parlers im 14. Jahrhundert, der außer Baumeister auch noch Bildhauer war, oder das eines Rombout Kelderman um 1500, der als Stadtarchitekt von Mecheln 1516 von Karl V. in den Adelsstand erhoben wurde? Loys van Boghem gehörte, wie bereits gesehen, einer Familie von Steinmetzen und Steinlieferanten an. Dadurch lernte er solche Leute, wie die Keldermans kennen, sah sich in ihrem Unternehmen um, und wurde auf diese Weise selbst Unternehmer und Experte des Bauwesens. Das einzige, das für einen gewissen Bildungsstand spricht, ist der Nachweis, dass er einer Rhetorikkammer angehörte, doch könnte er sich auch aus Ehrgeiz um eine Aufnahme in diesem Rahmen bemüht haben.

Es wird auch nicht in Zweifel gezogen, dass er ein ausgezeichneter Fachmann auf seinem Gebiet, der  Baukunst war, doch für seinen gehobenen Bildungsstand besteht keine Gewähr. In ihm kann man keinesfalls den Zeichner der Miniatur-Rahmungen seines Stundenbuchs, noch den Entwerfer der Grabmäler oder des Marienaltars, noch des weiteren Dekors der Kirche von Brou sehen. Damit gelangen wir zum letzten Aspekt der von LCR  aufgeworfener Problematik. Dass eine gewisse Übereinstimmung zwischen dem architektonischen Kirchendekor und den Miniaturrahmungen besteht, kann nicht geleugnet werden, doch ihre Erklärung dafür bedarf einer näheren Überprüfung.

Stellungnahme zum dritten Punkt:

Dass Louis van Boghem der Architekt von Brou  gewesen sein soll, wurde mit meiner Promotionsarbeit widerlegt: Erst nachdem Perreal alle Pläne fertiggestellt und die unter Michel Colombes Regie ebenfalls von ihm entworfenen Maquetten der Grabmäler an den Hof von Mecheln gesandt hatte, und all dies von der Erzherzogin als vollkommen gut befunden worden war, gelangte Loys van Boghem als Verwirklicher zum Einsatz. Laut dem ersten Bauvertrag sollte er die Kirche „jouxte le contenu du pourtraict“ (genau nach dem Plan) oder „selon les pourtraictz que lui avons baillé“ (nach den Plänen, die wir ihm übergeben haben) errichten.  Es stimmt, dass Margarete einmal von ihm verlangte, einen Plan der Kirche zu zeichnen. Dabei ging es sicherlich um die bautechnische Umsetzung des gutgeheißenen Perreal-Planes, in welchen van Boghem zudem die von ihm selbst vorgeschlagenen Abänderungen einzutragen hatte. Vermutlich wünschte Perreal, dass er sich mittels einer Zeichnung festlege, damit er nicht im Verlauf des Aufbaues weitere Änderungen nach eigenem Gutdünken vornehme oder anordne. Es gibt noch eine andere Erklärung: Wie Jean Perreals Korrespondenz zu entnehmen ist, hatte er selbst einen großen Plan mit allen Details an eine Klosterwand gezeichnet. Da er nicht wünschte, dass sein Name bekannt werde, war dies vermutlich des Nachts heimlich durchgeführt worden. Vielleicht hatte er dabei nicht bedacht, dass die Frage, wer der Architekt sei, nun an Margarete gerichtet werde. Um sich eine Antwort zu ersparen, mag die Erzherzogin einfach einen Plan von van Boghem verlangt haben. Angenommen dieser Plan wäre verschieden gewesen, von dem, der ihm unterbreitet worden war, so würde das noch nicht heißen, dass derselbe auch verwirklicht wurde. Der Plan hätte dann vorerst gutgeheißen werden müssen, um durchgeführt werden zu dürfen, wozu der Beleg fehlt.

Außerdem, selbst wenn van Boghem einen solchen gezeichnet hätte, wäre er deshalb noch nicht als „Hofarchitekt“ zu bezeichnen. Einerseits war der Begriff „Architekt“ neu diesseits der Alpen – bis dahin fiel das Zeichnen von Bauwerken und Plänen unter die Kompetenz des „Malers“ , und zum anderen war nicht jeder, der einen oder mehrere Aufträge für einen bestimmten Hof ausführte schon automatisch dessen Hofmaler oder Hofarchitekt. Unter dem Titel L’énigme des pourtraitz relativiert LCR übrigens ihre Zuschreibung der Pläne an van Boghem, und erwähnt in diesem Zusammenhang auch Jean Perreal, doch ohne weder dessen Bedeutung hervorzuheben, noch anzugeben, dass dieser Hofmaler der Erzherzogin war.  Seine offizielle Ernennung erfolgte am 15, Juli 1510 (Berens, 2010, S.63). Später ernannte sie ihn zum Kontrolleur von Brou und 1517 zum Intendanten des Bauwesens der Freigrafschaft Burgund. Seine Korrespondenz an den Hof von Mecheln unterzeichnete dieser mit „Jehan Perreal de Paris, p.d.m.“ (für „Peintre de Madame“).

Doch woher kommt eigentlich die Auffassung, der Maurermeister sei auch der Architekt gewesen? Denn in die uns heute vorliegende Korrespondenz hatten Außenstehende, und selbst die Augustinermönche, die tagtäglich den Fortschritt der Arbeiten beobachten konnten, keinen Einblick. Wenn die Stifterin den Namen des Urhebers der Pläne nicht bekannt gab und dieser auch schwieg, muss es doch irgendjemand gegeben haben, der in diesem Sinn auf van Boghem hinwies.

 

In der Tat, geht diese Auffassung auf das Gedicht Le Blason de Brou (gedruckt 1532) von Antoine du Saix zurück, in dem nicht nur die Kirche selbst, sondern auch „Meister Loys“, als deren Urheber, hochgepriesen werden. Der aus einer bressanischen Adelsfamilie stammende Kleriker und Theologe Antoine du Saix, war u.a. Gesandter des Herzogs von Savoyen am französischen Hof. Ob du Saix wirklich dieser Überzeugung war, ob er LvB hochhob, weil er in ihm einen Freund oder Vertrauensmann gefunden hatte, oder ob er durch Anordnung von oben eine Unwahrheit verbreitete, wissen wir nicht. Vielleicht hat er absichtlich eine falsche Person zu Ehren kommen lassen, um endlich zu erfahren, wer der richtige Architekt sei. Vielleicht wusste er dies sehr genau, war jedoch seitens François Ier gebeten worden, Perreals Spur zu ermitteln, um herauszufinden, ob derselbe (nach 1530) noch am Leben sei. Als jener sich jedoch nicht meldete, um du Saix Lügen zu strafen, wird beschlossen worden sein, seinen Namen auch für die Nachwelt auszulöschen, und alle Welt bei der falschen Meinung zu lassen.

 

Was spricht für Jean Perreal als Illustrator von Loys van Boghems Stundenbuch?

 

Von ihm kennt man nur eine schön ausgearbeitete Miniatur (Paris, Musée Marmotton), die Darstellung der Göttin Natura im Gespräch mit dem Alchimisten, als Illustration seiner Complainte de Nature. Die Gemeinsamkeiten können einem geschulten Auge nicht entgehen: Farbenfreudiges Kolorit, große Feinheit der Darstellung, expressive Gestik und sprechende Körperhaltung, vor allem eine Natürlichkeit im Ausdruck einerseits, andererseits eine ausgewogene auf das Wesentliche beschränkte Komposition, sind nur zwei Aspekte, die sowohl die für ihn gesicherte Miniatur als auch van Boghems Stundenbuch charakterisieren.

 

LCRs Beobachtung hat zur Annahme geführt, dass das Stundenbuch (vor dessen Ausmalung) in Lyon angefertigt worden war. Niemand kannte dieses Künstlermilieu besser als der dort angesiedelte Jean Perreal. Und auch die Kenntnis des gemusterten Säulenschafts und anderer zuvor in Italien beobachteter Elemente war ihm vertraut, wird er doch manchmal als die Person hingestellt, welche die Renaissance nördlich der Alpen einführte.

 

Im Rahmen meiner Perreal-Studien wurde auf die eine oder andere ihm zuschreibbare illustrierte Schrift hinweisen. Zum Vergleich sei zunächst das in meiner Veröffentlichung Die Beziehung des Hofmalers Jean Perreal zu Margarethe von Österreich, ein lyrischer Dyalog (CD, Trier 2003, und demnächst die überarbeitete gedruckte Fassung, 2015) vorgestellte Büchlein ohne Titel, das als Énigme d‘amour oder Petit livre de poésie bezeichnet wird, aufgegriffen. Es handelt sich dabei um ein in London  aufbewahrtes Poesiebüchlein (London, British Library, Stove 955), welches so klein und leicht ist, dass es in seinem noch erhaltenen authentischen  Futteral am Gürtel getragen werden konnte. Ich bin die erste, die in diesem Poesieband ein Holograph von Perreals Hand sieht, welches für Margarete von Österreich bestimmt war. Auf meine Argumente brauche ich nicht nochmals einzugehen. Welches sind nun die Entsprechungen zwischen diesem Werk und dem hier im Mittelpunkt stehenden Stundenbuch?

 

Zunächst sei auf einen gewaltigen Unterschied aufmerksam gemacht, das eine ist der hohen Minne geweiht, das andere ein Gebetbuch. Zudem liegen etwa zwanzig Jahre zwischen der Anfertigung der jeweiligen Manuskripte. Auf dem älteren sind die Miniaturen von einfachen Goldstreifen umgeben, auf dem jüngeren befinden sie sich, wie bereits gesehen, inmitten einer aufwendigen architektonischen Rahmung.  Dies genügt allein schon als Erklärung dafür, dass die stilistische Entsprechung nicht ins Auge springt. Die verbindenden Elemente sind dennoch diskret eingefügt:

 

Beide Werke sind anonym und geben nicht nur diesbezüglich viele Rätsel auf. Die Miniaturen des Poesiebüchleins wurden einem „Klumpfußmeister“ (le Maître aux-pieds-bots) zugeordnet. Auf Notnamen greift man in der Kunstgeschichte zurück, wenn der Urheber einer Reihe stilistisch zusammenhängender Werke unbekannt bleibt, doch dieser wirkt irgendwie ulkig. Da der Hand des besagten „Klumpfußmeisters“ jedoch auch der Alchimist der oben erwähnten Miniatur zugeordnet werden kann, ersetzen wir den Notnamen durch den von Jean Perreal, und stellen weiter fest, dass die beiden Hirten in van Boghems Stundenbuchs, und sogar König Ludwig als dessen Schutzpatron, das gleiche Merkmal aufweisen, den etwas plump zur Seite geschobenen Fuß.

 

Egal ob die Initiative bei Margarete oder ihrem Hofmaler lag, was uns in der Überzeugung, dass die Ausmalung auf Perreal zurückgeht, bestätigt, sind zudem die römischen Schrifttafeln, welchen man  und ab und zu im Dekor der Handschriften und der Architektur der Renaissance begegnet. Für die realistisch anmutende Befestigung derselben an einer Unterlage mittels eines Nagels oder der Kordel, sind mir keine weiteren Beispiele bekannt als eben die beiden Handschriften, die wir gerade vergleichen.

 

Beide Handschriften erfüllen einen Zweck, denn sie beinhalten eine geheime Botschaft an den Adressaten, bezugsweise die Adressatin. Enthält die ältere eine heimliche Liebesbotschaft, so stellt die jüngere eine Aufforderung an den Maurermeister dar, bis zum Schluss durchzuhalten und die Kloster- und Grabkirche von Brou fertigzustellen. Im Einverständnis mit der Stifterin stellt Perreal ihm zugleich einen besonderen Dank in Aussicht, seine Erhebung in den Adelsstand. Es fragt sich dann jedoch, ob der Hofmaler, wenn er einen solchen Einfluss ausübte, nicht nach Margarets Tod noch in der Lage gewesen wäre, dafür zu sorgen, dass ihre Nachfolgerin, Maria von Ungarn, oder Kaiser Karl die Ausführung dieser Absicht nachgeholt hätte. Weshalb es dazu jedoch nicht kam, wird klar, wenn man erkennt, welche Forderungen van Boghem nach dem Tod der Stifterin stellte (Berens, 2010 S.202-203, Dok. XV.): Offensichtlich stark enttäuscht, dass es nicht zu dieser Erhebung gekommen war, wollte der er sich zumindest finanziell für seine Anstrengungen entschädigt sehen.

Und dann noch das irreführende Gedicht, Le Blason de Brou, um dessen Richtigstellung er sich nicht bemühte…

 

Beide Bücher sind auch apokryph signiert. Im Poesiealbum führt die Kordel durch zwei Schlitze unter die Unterlage, im Stundenbuch durchdringt der  Nagel dieselbe, und dies wirkt so realistisch, wie es nur die trompe-l’oeil-Kunst vermag. Um den Namen zu erraten, muss dies auf Französisch ausgedrückt werden: (Le Clou / la corde) perce réel(lement la surface sousjacente); das perceréel ist ein Wortspiel auf  Perreal, denn réel ergibt im Englischen und Spanischen real und bedeutet sowohl „wirklich“ (im Spanischen auch noch „königlich“). Im Poesiebüchlein gibt es noch weitere heimliche Zeichen, neben den Chiffres M (plus A) und P (plus I), nämlich den Zirkel, aus dem sich A und P zusammensetzen. Der Zirkel kann hier als persönliches Emblem aufgefasst werden, denn sein Erfinder hieß (einer griechischen Legende zufolge) Perdix, und war der Lehrling von Daidalus, dem „einfallreichen“ Erbauer des ersten Labyrinths; doch er übertraf seinen Meister an Einfallskraft und erfand den ersten Geometerzirkel. „Perdix“ evoziert Perreals Namen zumindest zur Hälfte, oder – anders gesehen – Anfang und Ende von Perreal alias de Paris. Das in einer Text-Rahmung im Stundenbuch gemalte Handwerkszeug,  Meißel, Wasserwage, Hammer,  Winkelmesser, ist hingegen das eines Steinhauers, Maurers oder Bildhauers und verweist auf van Boghem als Steinmetz, und nicht zugleich als Architekt, wie L.C.R. annimmt.

 

Ein weiteres anonymes Werk, in welchem die Dichtung und die Illustration sich vollkommen ergänzen, die Chasse d’un cerf privé (die „Jagd auf den zahmen - oder treuen - Hirsch“), wurde von mir in Memorialkult und Kulturtransfer der Renaissance, erschienen 2012, erstmals Jean Perreal zugeschrieben, und ebenfalls als Holograph seiner Hand definiert. Es bildet den letzten Teil eines Sammelbandes (Paris, BnF, Ms.fr. 379). In dieser Hirschjagd sind die Miniaturen bereits von architektonischen, von der Antike inspirierten Rahmen umgeben. Die kurze Dichtung besteht aus neun Strophen zu je acht Versen, welche jeweils, auf einer römischen Schrifttafel geschrieben, den vorderen Teil der Miniatur einnimmt. Die Illustrationen entsprechen den beiden anderen, also dem Poesiebüchlein und dem Stundenbuch, zudem im kontrastreichen Kolorit. Einige der auf den dortigen Miniaturen dargestellten Personen überschneiden sich in der Haltung und Gestik mit denen des Stundenbuchs: Der in Blau gekleidete Hirte rechts im Bild (Folio 32 des Stundenbuchs) hält die Arme fast genau wie der Mann in Rot auf Folio 46bis der Chasse du cerf privé, der Hirte in Rot entspricht in seiner Haltung dem ebenfalls rot gekleidete Mann auf Folio 46v. Das Bild mit den beiden Hirten, denen der Engel die frohe Botschaft vermittelt, bildet andererseits auch bildkompositorisch eine Parallele zu der Darstellung von Folio 9v des Londoner Poesiebüchleins, wo sich zwei Personen im Bildvordergrund halten, ein Kleriker in Schwarz und ein modisch gekleideter Höfling. Es ließen sich noch weitere Korrespondenzen nachweisen.

 

Letztendlich sei noch auf eine verrätselte Namenszuweisung des Stundenbuchs von Loys van Boghem aufmerksam gemacht: Nach der gleichsam als Frontispiz vorangestellten Miniatur der vier heiligen Schutzpatrone der Baumeisterzunft, folgt als zweite Miniatur das Bild des heiligen Johannes auf Patmos (Folio 5v), mit der die Periskopen des hl. Johannes eingeleitet werden. Das ist nichts Ungewöhnliches in einem Stundenbuch. Darüber, im Tympanon der Rahmung, befindet sich ein Rundmedaillon mit einem im Flachrelief frontal dargestellten Kopf. Das sei in einem so gut durchdachten und symbolgeladenen Werk nicht einfach als Dekor aufgefasst, ist doch jedes Detail hier wohl überlegt. Ein Porträt kann man nicht erkennen, und das war sicherlich nicht der Zweck. Dennoch soll damit an jemand erinnert werden, gewiss an niemand anders als an den Illustrator des Werkes. Das Medaillon-Bildnis ist in dieser Stellung die apokryphe Signatur von jemand, der Jean heißt, also wohl desjenigen, der in einem gereimten Brief schreibt „Jehan est mon nom, mon surnom Perreal“ (Ich heiße Johann, Perreal ist mein Beiname).

 

Demgegenüber kann LCR vorbehaltlos zugestimmt werden, wenn sie vermutet, das Bildnis im Rundmedaillon (fol. 23) zeige Loys van Boghem. Diese Profilansicht ist einzigartig, denn es ist wohl die erste, die einen Mann vom Volk, einen Steinmetz auf einem Medaillon darstellt. Als Leiter eines ungewöhnlichen Großprojektes verdiente er eine solche Ehrung. Doch er war nicht (wie LCR nahelegt) derjenige, der die Handschrift in Auftrag gab, und in Wirklichkeit wird er die Goldmünze auch (noch) nicht besessen haben. Sie ist nur gemalt. Wer der Porträtist war, ist leicht zu erraten. Es stellt nicht Loys van Boghem als Gestalter des Stundenbuches dar, sondern als Widmungsträger, und dürfte als weiterer Hinweis auf die Ehre, die ihn bei der Fertigstellung der Fürstengrabstätte von Brou erwartet, zu erachten sein, nämlich als Ankündigung eines echten Medaillons mit seinem Bildnis.

 

Das ganze Lob, welches auf dem Umschlag des hinteren Buchdeckels der Veröffentlichung von LCR, wie natürlich im Text selbst, auf den „Architekten“ Loys van Boghem bezogen wird, gebührt meinen bisher recherchierten Erkenntnissen nach dem wahren Konzeptor der Fürstengrabstätte und Gestalter des Stundenbuchs, nämlich Jean Perreal.

 

Die Sorge um die Wiedergabe der realen Verhältnisse veranlasste mich zu dieser Buchkritik, mit der ich mich der Theorie einer anderen Kunstwissenschaftlerin entgegenstelle. Mögen unsere individuellen Nachforschungen den Weg zur gemeinsamen Rekonstitution der Wahrheit finden.