Jean Perreals Beitrag zur fürstlichen Memoria in Brou, Stiftung und Grablege der Margarethe von Österreich. Luxemburg 2010Produktname
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Eine kuriose Entdeckung

Im Jahre 2010 bot mir die Teilnahme an einer kulturellen Busreise ins Loire-Tal die Gelegenheit die Anjou-und Maine-Gegend aus der Nähe kennen zu lernen. Bereits vor längerem befasste ich mich in meinem Buch Herkunft und Identität von Jean Perreal nach literarischen Quellen mit dem Hause Anjou, da ich den Hofmaler Perreal als einen Enkel von König René d’Anjou, als illegalen Sohn seiner Tochter Marguerite, betrachte.

 

Bisher wurde meine Arbeit von den Historikern ignoriert, denn die Regeln ihrer Disziplin lassen es nicht zu, Schlussfolgerungen aufgrund literarischer Angaben zu ziehen, da diese sehr wohl fiktiv sein können. Dessen ungeachtet, ermöglichte mir die angewandte interdisziplinäre Methode, beruhend auf der vergleichenden Zusammenschau von Kunst, Literatur und Geschichte, die Überwindung einiger Hürden, welche die diesbezügliche Forschung bisher lähmten. Natürlich unterließ ich es nicht, meine Interpretationen soweit wie möglich historisch abzusichern, ohne jedoch bei meinem Ergebnis den Anspruch auf eine letzte Gewissheit erheben zu können.

 

Doch ab nun verdeutlichen sich die Dinge: In der angegebenen Veröffentlichung über Jean Perreal versuche ich den, seinem gereimten Alchimie-Traktat vorangestellten Widmungsbrief an den König von Frankreich, seinen Herrn, zu interpretieren. Ein solcher Brief, sofern es sich nicht um reine Panegyrik oder um eine Einleitung in Briefform handelt, enthält in der Regel Angaben über reale Geschehnisse, welche den Adressaten interessieren, der Inhalt kann aber durchaus auch frei erfunden sein.

 

Perreals Brief ist nicht rein fiktiv, – denn der Widmungsträger, König François Ier, ist universell bekannt, und es wird einleitend Bezug auf ein leicht datierbares historisches Ereignis genommen, nämlich den französischen Sieg von Marignano im Jahre 1515; er enthält jedoch sonst keine konkreten Angaben: Das, was erzählt wird, gleicht eher einem Traumgeschehen.

 

Das erzählende Ich (Jean Perreal) verirrt sich im Dauphiné und gelangt zu einem halb verfallenen Schloss. Der alte Schlossherr zeigt ihm seine Rüstung, an der jene Stelle, an welcher er verletzt worden war, deutlich sichtbar ist. Der Erzähler entdeckt im verwahrlosten Schloss eine Kapelle mit verblassten Jagdszenen und Wappen, eine verstaubte Bibliothek, dahinter eine Nische mit einem Totenkopf. Er fühlt sich in die Zeit der Arthus-Legenden zurückversetzt. Es sei kurzum zurückbehalten, dass in meinen Augen darin Halbwahrheiten enthalten sind. Wir werden aufgefordert, die aufgegebenen Rätsel zu lösen. Ich schreibe „wir“, weil an die Frage, ob die Erzählung fiktiv oder real ist, sich eine weitere anschließt, nämlich, ob das Alchimie-Traktat wirklich für König François Ier bestimmt war – das Werk ist nicht in seinen Inventaren nachgewiesen – oder ob die Dedikation ebenfalls zur literarischen Fiktion zählt. Meiner Einschätzung nach richtet sie sich an die Nachwelt, also an „uns“.

 

Nach langem Überlegen gelangte ich zur Annahme, dass der alte Schlossherr Pierre de Brezé sein könnte, was bedeutet, dass sein Tod anlässlich der Schlacht von Montlhéry im Jahre 1465 nur vorgetäuscht war: Da er als Kommandant in jener Schlacht einen strategischen, in den Augen des Königs wohl unverzeihlichen Fehler begangen hatte, wird er sich ins Dauphiné zurückgezogen haben, um nicht um seinen Kopf bangen zu müssen. Der Verdacht ist berechtigt, dass sein Vorgehen beabsichtigt war: Dem Heer, gegen das er kämpfen musste, hatte sich nämlich auch Jean d’Anjou, König Renés Sohn, angeschlossen, so dass er gegen einen Freund und Verbündeten vorgehen musste. Da mir die Gegend um Angers bisher fremd war, und ich auch nicht zu den Weinkennern zähle, was vielleicht dazu geführt hätte, durch die Marke Dreux-Brezé fündig zu werden, wusste ich beim Erstellen meiner Arbeit nicht, dass es heute im Loire-Tal noch ein Schloss Brezé gibt. Außerdem hätte ich eher im Dauphiné danach gesucht. Doch auch diese Angabe mag erfunden sein, sie sollte auf eine falsche Fährte leiten, denn der geheimnisvolle Ort durfte nicht verraten werden.

 

Dass das Brezé-Schloss ein doppeltes Schloss ist, bestehend aus einem repräsentativen Renaissance-Bau, sowie einer unterirdischen, unsichtbaren und wohl bis ins frühe Mittelalter zurückreichenden Anlage, war für mich eine große Sensation. Im unterirdischen Teil befinden sich heimliche Gänge, Kammern und Säle, sowie eine Abteilung für das Vieh, und zwar nicht nur für Hühner und Tauben:  Lämmer und Ziegen konnten durch einen leicht gesenkten Gang hinein- und hinausgeführt werden, und selbst Pferde fanden dort Aufnahme. Ausgestattet mit Lichtscharten, Brunnen, Nischen zum Aufbewahren von Getreide und Heu, einer Backstube,  und mit Absicherungen gegen das Eindringen von Feinden war die unterirdische Anlage  zunächst als Refugium und provisorische Behausung gedacht.  Heute wird sie zum Aufbewahren von Weinfässern und besonders als Touristenattraktion genutzt. Ein Teil davon bleibt jedoch einstweilen den Archäologen vorbehalten.

 

Natürlich diente früher ein solches Refugium nicht nur dem Schutz vor feindlichen Angriffen, es bot zudem ein ideales Versteck für jemand, der untertauchen wollte, also nach meiner Mutmaßung für Pierre de Brezé, der in dem Fall seinen vorgetäuschten Tod um Jahrzehnte überlebt hätte. Auf dem Gelände ist noch die zerfallene Kapelle zu sehen, die zum Vorgängerbau gehörte, welcher dem, im 16. Jahrhundert begonnenen neuen Renaissanceschloss weichen musste. Perreal hat dann den alten Freund und Verbündeten seiner Familie dort getroffen und dabei selbstverständlich die unterirdische Rückzugs- und Verteidigungsanlage studiert. Es war René d’Anjou gewesen, der 1445 Gilles de Maillé-Brezé die Erlaubnis erteilt hatte, seine dortige Behausung als Festung auszubauen. Um 1515 (Zeitpunkt der Abfassung der besagten Dedikation) wurde dann der unterirdische Teil durch den Erwerb der ’Roche Baffou’ vergrößert. In demselben Jahr wurden weitere Ausbauarbeiten vorgenommen. War Perreal an der Planung beteiligt? Hat er die Gestalt der Venus im Tympanon des Portals des neuen Schlosses entworfen? Die lateinische Aufschrift im Sinne von „Ich bin nicht die Venus der Poeten, sondern die, welche eine heilige Flamme in den Herzen entzündet“, passt zur Darstellung der nackten Göttin Natura auf der einzigen Miniatur, die Perreals Alchimie-Traktat zierte. Er selbst könnte in diesem unterirdischen Höhlensystem ab und zu Zuflucht genommen haben, denn auch er lebte, der oben angegebenen Veröffentlichung zufolge, lange über das bisher angenommene Todesdatum von um 1530 hinaus, und zwar bis ins Jahr 1554.

 

Sollte derjenige, der in die Kunstgeschichte als „Maler des Königs“ einging, der Nachwelt weiter nichts hinterlassen haben als die wenigen Bildnisse, die ihm heute zugeschrieben werden? Es sei den Archäologen nahe gelegt, mit größter Sorgfalt und Vorsicht in die noch unzugänglichen Teile vorzudringen, denn in einem an den Hofmaler gerichteten panegyrischen Gedicht weist ein Freund von ihm auf einen verborgenen Kunstschatz hin:

 

… Ich befand mich in einer Einsiedelei,

einem gefälligen Ort, wo ein betagter Einsiedler lebte,

wo er Jahre und Tage fröhlich verbrachte,

und leben wird bis zu seinem Dahinscheiden.

Denn dieser Ort bietet die günstige Atmosphäre

um in Ehren bestehen und  gedeihen zu können.

Ich gewahrte in diesem heimlichen,

mit manch schönem Geheimnis ausgestatteten Tempel

vielerlei nach der Natur gemalte Bildnisse,

welche ich lange Zug um Zug betrachtete.

Es schien mir als befände ich mich in Karthago,

wo Äneas in hohem Alter seine Taten gemalt sah,

was zu hohem Ruhm geführt hatte:

Sie schienen lebendig, es fehlte ihnen nur die Sprache.[1]



[1] Paris, BnF, Ms. 2202, Vers 5-18 (übersetzt von der Autorin).